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“Pray” von Justin Bieber

Die Zauberwelt der Mikrofone bleibt den Lesern einer gewöhnlichen Musikkritik zumeist verborgen. Das liegt vor allem daran, dass die ausführenden Kritiker diesen unscheinbaren aber hoch präzisen Seismographen und ihrer beiläufigen Komplexität kaum einen Unterhaltungswert zubilligen wollen. Geradezu unwesentlich erscheint das Mikrofon, wenn es um das große Ganze, wenn es um Kunst geht. Und doch hätten wir ohne „Mikro“ nichts zu besprechen, könnten nicht über den Zauber dieser oder jener Aufnahme sinnieren und dabei so tun, als wäre das hörbare Ergebnis allein der Verdienst von fünf ehemaligen Volltrotteln, die einen Song der Beatles rückwärts spielen und am Ende ein Klavier zersägen. Denkste!

Natürlich ist ein Mikrofon gänzlich unvorstellbar ohne den, der es bedient: den Tontechniker. Wir haben diesen Menschen viel zu verdanken – all die ungezählten Stunden des privaten Genusses wundervoller Tondokumente, die uns berühren und entrücken, ohne dass dabei im Konzert neben uns einer stinkt. Tontechniker sind die eigentlichen Helden des Musikgeschäfts und ihre Namen gehören verdammt nochmal in die Credits eines Albums! Das musste an dieser Stelle einfach mal gesagt werden.

Das gilt natürlich besonders im vorliegenden Fall: Justin Bieber. Wahrscheinlich ist es das erste Mal in der Geschichte der Tonaufzeichnung, dass es findigen Ingenieuren gelungen ist, NICHTS aufzunehmen. Ich möchte an dieser Stelle auch die eher ängstlichen Gemüter dazu ermuntern, irgend einen Justin Bieber- Song zur Hand zu nehmen, um es einmal selbst nachzuprüfen: Ja genau, das ist keine Warteschleife, der Song geht gerade los … rosa Wölkchen, langsam dahinschlurfender Gangster-Beat … es muss sich wirklich niemand schämen, der hier das erste Mal kotzen muss … ACHTUNG! Jetzt! Da kommt es: Dieser laue, geradezu geisterhafte und fast unkenntliche Furz, der soeben durch das Arrangement weht, das seinerseits offenbar aus einer Kiste mit Britneys unveröffentlichten Jugendsünden geraubt wurde, ist also tatsächlich die S T I M M E des Interpreten! Diese überhaupt hörbar zu machen, ist für sich genommen eine außerordentliche technische Leistung, was jedoch in diesem Fall zugegebenermaßen höchstens zu intellektueller Faszination gereicht, während der Körper unaufhörlich gegen diese Scheiße revoltiert. Aus musikalischer Sicht gibt es nichts weiter zu Justin Bieber zu sagen.

Aus einem ganz anderen Grund sollten wir uns dennoch genauer mit dem Song „Pray“ auseinandersetzen. Worum es eigentlich geht, verrät ein Blick in die Lyrics:

Ohh Ohh Ohh … and I pray
I just can’t sleep tonight
Knowing that things ain’t right

It’s in the papers
It’s on the TV
It’s everywhere that I go

Children are crying
Soldiers are dying
Some people don’t have a home

But I know there’s sunshine behind that rain
I know there’s good times behind that pain
Hey… Can you tell me how I can make a change?

I close my eyes and I can see a better day
I close my eyes and pray.

Link zum > Musikvideo <

Ganz davon abgesehen, dass hier weinende Kinder, weltweite Obdachlosigkeit und tote Soldaten auf das gleiche Belanglosigkeitsniveau verniedlicht werden, lernen wir durch das aufmerksame Studium dieses Textes, worin die soziale Funktion von Justin Bieber eigentlich besteht: Er ist eine gezielt platzierte Sozialisationsmaßnahme für Heranwachsende in einer nur geheuchelt anteilnehmenden, christlichen Wegwerfgesellschaft. Denn anstatt den Nachwuchs dazu anzuhalten, sich zu organisieren und bewusst etwas gegen katastrophale Missstände in der Welt zu unternehmen, werden hier die Vorzüge des seit jeher beliebten Betens in den Vordergrund gestellt.

Beten aber ist in vielerlei Hinsicht nur eine Alibi-Handlung: Die „gute Tat“ beschränkt sich dabei allein auf den frommen Wunsch, dass sich die Dinge ändern mögen und dieser Wunsch selbst entstammt wiederum einem rein egoistischen Motiv. Zwar mag man vorgeben für etwas oder jemanden zu beten, im Grunde aber betet man in erster Linie für sich selbst. Im Gebet verschließen wir die Augen vor der Realität und hoffen inständig darauf, dass unser Wunsch erhört werde und die Welt eine andere sei, sobald wir die Augen wieder öffnen. Eine Welt ohne Armut und Leid, vor allem aber ohne Arme und Leidende, die unser frivoles Konsumentengemüt schon mit ihrer bloßen Existenz schwer belasten, denn egal ob man einem Penner etwas gibt oder nicht, man hat hinterher immer ein schlechtes Gewissen. Den Menschen tatsächlich zu helfen wäre zwar theoretisch eine Option, sie scheidet aber in der Praxis aus zahlreichen Gründen leider völlig aus:
1.) Keine Zeit; heute ist Yoga!
2.) Mir hilft ja auch keiner!
3.) Da sind wir im Urlaub!
4.) Ich weiß nicht, was ich dazu anziehen soll!

Was also bleibt, ist das Elend in der Welt und das ungute Gefühl, ein Heuchler zu sein. Zeit für ein Gebet! In nur wenigen Minuten können wir uns damit unseres schlechten Gewissens entledigen und schaffen es trotzdem noch zum Yoga. Im zeitsparenden Selbstbetrug besteht also seit jeher der eigentliche Sinn des Betens.

Sicher ginge es auch Justin Bieber besser, wenn er einfach nur reich und belanglos wäre, und sich nicht obendrein noch sein jugendliches Gemüt unnötig mit der Misere anderer Menschen zermartern müsste. Im betont inhaltsleeren Video zu „Pray“ sehen wir ihn einen Moment lang in einem Blechherz singend von der Decke hängen, bereits im nächsten Moment aber schäkernd zahlreiche Kranke und Schwerstverwundete herzen, um danach mitzuerleben, wie ein Hund über die Straße läuft und ein Mann ohne Beine in der Gosse kriecht. Dann fällt ein Kind um. Dazwischen aber wieder und immer wieder der debil grinsende Bieber, der sich sichtlich in seinen völlig deplatzierten Gangster-Posen gefällt. Als Betrachter wird man dabei das eklige Gefühl nicht los, miterleben zu müssen, wie eine verzogene Wohlstandsgöre notleidende Menschen gönnerhaft als Accessoire benutzt, um sich selbst zum gottesfürchtigen Weltenretter zu stilisieren. Es bleibt zu hoffen, dass Justin Bieber alsbald einen mehrfachen Stimmbruch erleidet, in dessen Folge er vom Gesang ablässt um einen anderen Beruf auszuüben. Ich werde für ihn beten.



Abschließende Bewertung:

Action 02/10
Spannung 00/10
Humor 01/10
Anspruch 00/10
Erotik 10/10


Text: Michel Goldmann | Bilder: justinbiebermusic.com, justin-bieber.de

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